Die Sirenen von Böhlitz-Ehrenberg

Ihren Namen haben sie aus der griechischen Mythologie. Die Sirene, welches als weibliches Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Frau und Vogel, später auch Frau und Fisch) durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten.

Als betörenden Gesang kann man den Heulton der Feuerwehrsirenen wahrlich nicht bezeichnen, auch werden durch diesen keine vorbeifahrenden Fischer angelockt, sondern die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr aufgefordert, das Gerätehaus aufzusuchen.

Größtenteils finden die in unmittelbarer Nähe der Sirenenstandorte wohnenden Bürger diesen Ton als unzumutbare Belästigung.

Seit ca. 1925 hat unsere Freiwillige Feuerwehr eine elektrisch betriebene Sirene zur Alarmierung ihrer Einsatzkräfte. Genaue Unterlagen liegen hierzu leider nicht vor. Parallel zu dieser Alarmierungsmöglichkeit wurde noch lange Zeit die Dampfpfeife der Fa. Schlobach (Sägewerk, später Furnierwerk) in der Auenstraße verwendet.

Erst mit dem „Neuaufbau des Feuerlöschwesens“ im Jahre 1936, hier wurde die Feuerwehr der Ortspolizei unterstellt, wurden einheitliche Sirenentöne zur Warnung der Bevölkerung eingeführt. In dieser Zeit wurde auch das Netz der öffentlichen Sirenen unter dem Gesichtspunkt des „Luftschutzes“ erweitert und ausgebaut. Es gab eine zentrale Alarmierungsmöglichkeit über die Polizei. Auch viele Betriebe und Unternehmen schafften sich Sirenen für die Warnung oder Alarmierung ihrer Beschäftigten an. Teilweise wurde auch Arbeitsbeginn und –ende damit kundgetan.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurden viele Sirenen abgebaut bzw. stillgelegt oder einfach nicht mehr genutzt. Die Luftschutzsirene wurde nach dem Krieg erstmals wieder am 06.06.1945 für die Alarmierung der Feuerwehr genutzt. Beim Austausch der Sirene in den 1946-47 Jahren auf der Schule stürzte der Monteur ab und verletzte sich tödlich.

Für unsere Wehr stand die Sirene auf dem Dach der Schule in der Pestalozzistraße zur Verfügung. Diese konnte von Anfang an nur von den Feuermeldestellen ausgelöst werden. In den Nachkriegsjahren fiel aufgrund von Stromschwankungen bzw. Stromausfällen auch öfters die Sirene aus. In diesen Fällen wurde auf das alte „Signalhorn“ zurückgegriffen.

Die Feuermeldestellen waren unser Gerätehaus in der Bielastraße 22, welche mit einem öffentlichen Melder ausgestattet war.

Feuermeldestelle2

 
Als weitere Feuermeldestellen waren die Wohnungen der Wehrleiter, das Gemeindeamt und das Polizeirevier festgelegt. Diese Gebäude waren mit einem Schild „Feuermeldestelle“ gekennzeichnet. 

Um die Alarmierung in Gang zu bringen waren elektrische Steuerleitungen (12 V) erforderlich. Diese wurden in Form einer Freileitung in unserem Ort installiert. Eine Nutzung der öffentlichen Telefonleitung war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.

Die Verlegung erfolgte im Wesentlichen an den Fassaden der Wohnhäuser in Höhe der Dachgauben. Teilweise sind noch einzelne Isolatoren zu sehen. Die Leitung bestand aus zwei nicht isolierten Kupferdrähten in relativ geringer Stärke.

Sie verlief vom Gerätehaus in der Bielastraße zum Grundstück Bielastraße 21, von dort über den Hof der Grundstücke Heinrich-Heine-Straße 52/54. Hierzu war ein Holzmast auf dem Trockenplatz im Hof aufgestellt. Vom Grundstück Heinrich-Heine-Straße 50 ging diese Leitung weiter zur Nummer 48 (Sternburgecke) und dann in die heutige Südstraße in Richtung altes Gemeindeamt. Auf der linken Seite (gerade Hausnummern) verlief diese Leitung bis zur Leipziger Straße, querte diese und endete im alten Gemeindeamt.

In der Pestalozzistraße, Hausnummer 32, war eine weitere Feuermeldestelle, von dort ging die Leitung bis zur Südstraße, wo diese sich vereinigten. Eine weitere Feuermeldestelle war das ehemalige Polizeirevier in der Heinrich-Heine-Straße (Pfeiffers Villa bei dem Dieselmotorenwerk – heute Parkplatz ALDI). Von dort ging ebenfalls eine Freileitung in Richtung Südstraße, welche sich an der Sterburgecke vereinigten. Von der Feuermeldestelle im Gemeindeamt ging nun eine Leitung direkt zur Sirene auf dem Dach der Schule. Auch hier war der Verlauf sehr interessant. Vom Hof des Gemeindeamtes verlief die Leitung über Holzmasten durch die Gärten bis zur Leipziger Straße. In Höhe der jetzigen Sparkasse (damals Fleischerei Weise) wurde die Leipziger Straße wieder gequert. Vom Gebäude der Sparkasse verlief die Leitung durch den Bielagarten, hierzu waren wiederum Holzmasten aufgestellt. Von dort zum Wohnhaus der Fa. Käse-Lehmann und dann direkt zur Schule.

Die Leitung war allen Witterungsunbilden ausgesetzt und bei starkem Wind konnte es schon mal passieren, dass sich die Drähte berührten. Da lief die Sirene an, aber verstummte meist sofort. Anders war es bei starken Regen, da lösten Kurzschlüsse öfters die Sirene aus. Diese lief dann meist sehr lange, bis ein Verantwortlicher die Sicherungen in der Schule entfernte. Die Sicherung sowie die gesamte technische Anlage (Gleichrichter, Transformator, Notbatterien etc.) befand sich in der Schule im damaligen Physikvorbereitungsraum in der 2. Etage.

Eine zweite Leitung lief direkt von der Bielastraße 22 zum Wohngebäude Bielastraße 18 und von dort über den Hof zur Schule. Diese Leitung war in der Stärke einer zweiadrigen Telefonleitung und isoliert. Die Haken zur Befestigung dieser Leitung sind hier noch an der Giebelseite der Schule zu sehen.

3Minuten Dauerton

 
Das Alarmierungssignal für unsere Feuerwehr war damals noch 3 min Dauerton. Da hier keine Zeitschaltuhr oder ähnliches vorhanden war, lief die Sirene meist bis alle Kräfte da waren und das Fahrzeug ausrückte. Manchmal wurde auch das Ausschalten vergessen, dann lief diese, bis die Kräfte wiederkamen.

Mit der Zunahme des kalten Krieges und dem Aufbau der Zivilverteidigung in der DDR wurde das Sirenenetz wieder erweitert und ausgebaut. So gab es Anfang 1970 wieder 4 Sirenen in Böhlitz-Ehrenberg. Jedoch stand unverändert unserer Feuerwehr nur die Sirene auf dem Dach unserer Schule in der Pestalozzistraße zur Verfügung. Weitere Sirenenstandorte waren die Schule in Gundorf, die damalige Rosa-Luxemburg-Straße (Obere Mühlen-Straße) 45 sowie das Verwaltungsgebäude im Metallgußwerk (Megu). Diese Sirenen wurden über eine gesonderte Standleitung (Postleitungen) angesteuert und nur von zentraler Stelle (BDVP- Zivilverteidigung) ausgelöst. Die Leitstelle der Feuerwehr hatte auf diese Sirenen keinen Zugriff.

Schallplatte

 
Viele DDR - Bürger werden sich noch an die Belehrungen über die „Sirenensignale“ erinnern. In fast allen Betrieben wurde zu diesem Thema im Rahmen der Arbeitsschutzbelehrung geschult. Der Handel hatte sogar eine Schallplatte mit den einzelnen Sirenentönen bzw. -signalen herausgegeben.

Anfänglich wurden die Sirenen noch sonnabends 13:00 Uhr erprobt. Jedoch aufgrund von Beschwerden der Bevölkerung wurde diese Probe auf mittwochs 15:00 Uhr verlegt (in der gesamten DDR). Bei diesen Proben liefen die Sirenen immer 10 Sekunden.

3Mal15Sekunden Dauerton

 
Die örtlichen Feuerwehren erhielten Ende der 1970ziger Jahre vom Rat des Kreises Sirenenansteuergeräte, welche den neuen Feueralarmton zur Nutzung brachten. Mit 3 mal 15 Sekunden Dauerton und 5 Sekunden Unterbrechung wurde ab sofort die Feuerwehr alarmiert. Dieser Ton hat sich bis zum heutigen Tag durchgesetzt.

FME RFT

Anfang der 1970iger Jahre wurde auch bei unserer Feuerwehr die Funkalarmierung mit sogenannten „Funkalarmempfängern“ eingeführt. Die vom VEB RFT hergestellten Geräte waren anfänglich noch etwas klobig und unhandlich im Vergleich zu heute. Für die Mitnahme außerhalb der Wohnung stand eine Lederhülle in Größe einer Brottasche zur Verfügung. Jedoch war die Leistung des eingebauten Akkus nicht von großer Dauer und die Geräte mussten wieder ans Netz. Vorteilhaft aber war, dass die Alarmierung mittels Sprachdurchsage erfolgte. D.h., durch den Disponenten der Feuerwehrleitstelle wurde das Ereignis, dessen Ort und weitere mögliche Angaben durchgesagt.

Jedoch war es zur Gewohnheit geworden, die Sirene weiter zu verwenden. Bis zur Wende, und einige Jahre darüber hinaus, stand uns immer noch nur die Schulsirene mit ihrer zwischenzeitlich sehr historischen und anfälligen Steuerleitung zur Verfügung. Abstürzende Äste bzw. Sturm zerstörten mehrfach die direkte Leitung vom Gerätehaus zum Schulgebäude, bzw. die Leitung durch den Bielagarten. 

Mit der Wende gingen alles Sirenen in Sachsen in das Eigentum des Freistaates über. Dieser hatte dafür keine direkte Verwendung und verkaufte die Sirenen an eine Firma aus den alten Bundesländern (Fa. Hörmann). Ein Verkauf an die einzelnen Gemeinden wäre der richtige Weg gewesen.

Diese Firma schloss nun mit den einzelnen Gemeinden befristete Nutzungsverträge ab. Sollte es nicht zum Vertragsabschluss kommen, wurde der Abbau der Sirene angedroht bzw. durchgeführt.

Parallel wurden die Sendefrequenzen für die RFT Funkalarmempfänger durch die Bundespost gesperrt. Somit schloss sich der Kreis, wir waren wieder auf die Sirenenalarmierung angewiesen und die Gemeinde musste (es gab kaum andere Alternativen) diese Nutzungsverträge abschließen.

Mit Ausbau des neuen Sende- und Empfangsnetzt für die Feuerwehren wurden erneut Funkalarmempfänger beschafft, diese hießen jetzt „Pager“. Sie hatten auch keine Sprachdurchsage und noch keinen Anzeigetext, machten aber einen Höllenlärm. Die Beschaffung erfolgte anfänglich durch das Landratsamt und war nur in geringer Stückzahl.

Die vorhandene Sirene musste also weiterhin genutzt werden. Im Rahmen einer zentralen Beschaffungsmaßnahme durch das Landratsamt wurden erst 1993 alle Sirenen (außer die in der Megu, die war zwischenzeitlich abgebaut) mit einem „Fernwirkempfänger“ ausgestattet. Diese Fernwirkempfänger ließen eine Auslösung der Sirenen durch die Feuerwehr- und Rettungsleistelle zu. Diese Fernwirkempfänger sind heute noch aktive und zwischenzeitlich die einzige Möglichkeit, die Sirenen auszulösen.

In diesem Jahr (1993) konnte auch durch die Gemeinde 42 St. Funkmeldeempfänger der neusten Generation beschafft werden.

Die Feuerwehr- und Rettungsleitstelle in Leipzig war ebenfalls technisch aufgerüstet wurden und konnte somit die Alarmierung gewährleisten.

Damit waren und sind die Sirenen nur noch eine Not- bzw. Zusatzalarmierung für unsere Freiwillige Feuerwehr.

Sirene 2

Die bis 1993 benötigte historische Steuerleitung (Freileitung) wurde durch die Fa. Mähne sowie durch unsere Kameraden in Eigeninitiative zurückgebaut. Das größte Problem bei diesem Rückbau war die zweimalige Querung der Leipziger Straße. War doch dort der Fahrdraht der Straßenbahn. Ein einfacher Abbau war also nicht möglich. In Abstimmung mit der LVB wurde diese Fahrleitung kurzzeitig frei geschalten und die Steuerleitung entfernt werden.

Mit der Eingemeindung nach Leipzig wurde durch das Brandschutzamt festgelegt, dass die Sirenen nicht mehr erforderlich sind. Es wurden die bestehenden Wartungsverträge vorzeitig gekündigt und keine Wartung bzw. Instandsetzung durchgeführt.

Zwischenzeitlich schweigt man zu dieser Problematik, da die so gut funktionierende „Pageralarmierung“ doch nicht so sicher ist.

Nach dem katastrophalen Hochwasser 2002 in Sachsen wurden wieder Sirenen und Sirenensignale eingeführt und angeordnet. Viele Gemeinden in Sachsen, besonders die hochwassergefährdeten Gemeinden, haben Fördermittel genutzt und das Sirenenetz wieder aus- bzw. aufgebaut. Die Stadt Leipzig hat hiervon Abstand genommen.

Wie es in naher Zukunft bei uns aussehen wird, ist fraglich. Für das „kleine“ Geschäft brauchen wir keine Sirene, sollte es zu größeren oder katastrophenähnlichen Einsätzen kommen, wäre diese Alarmierung weiterhin angebracht. Jedoch ist dies immer von einem funktionsfähigen Stromversorgungsnetz (220 V) abhängig.

Die kurzzeitige Reparatur des Schulhausdaches führte dazu, das von August 2012 bis 30. Oktober 2012 die Sirene der Schule abmontiert wurde. Die Dachdeckerfirma ließ zu unserer Verwunderung die Sirene technisch überholen und installierte diese an alter Stelle.

Mit der Umstellung des BOS – Funknetzes bei der Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst auf ein digitales Funknetz in naher Zukunft wird die Ansteuerung der Fernwirkempfänger unserer Sirenen nicht mehr möglich sein.

Somit werden diese wohl für immer schweigen – oder?

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